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Allgemein
«Nee, nicht dein ernst?», sage ich lachend, als ich meinen Bekannten begrüsse.
Er ist gerade dabei, den Blinker seines Autos mit Uhu-Alleskleber zu befestigen. Wortlos nehme ich das Geschehen zur Kenntnis. 
Der Kleber macht seinem Namen alle Ehre.

Einen kurzen Moment überdenke ich meine Vorgehensweise. Bei diesem Anblick bin ich mir nämlich nicht mehr ganz so sicher, ob ich sein Auto tatsächlich für ein paar Tage ausleihen möchte. Doch ich bleibe dabei.
Hauptsache, es fährt.

Mit viel Liebe wischt er die restlichen Leimkleckse mit einem Taschentuch ab. Und befestigt den Blinker zusätzlich mit einem Klebeband – nur bis der Alleskleber trocknet, verspricht er mir.
Er hat meinen verwirrten Blick also doch bemerkt.

Ich muss zugeben, die Hingabe für sein Auto ist ja goldig. Doch das Gefühl von Vertrauen schwappt noch nicht ganz zu mir herüber.

Er gibt mir eine umfassende Instruktion seines Autos: 
Aufpassen beim Parkieren.
Vorsicht beim Autobahnfahren.
Kofferraum wenn möglich nicht öffnen.
Stossstange ist mit Tape gesichert.
Die Türen geben beim Öffnen ungewohnte Geräusche von sich.
Die Bremsen auch.

Das sei normal, wie er sagt.
Da will noch jemand behaupten, dass Normalität kein dehnbarer Begriff ist.

Okay.
Auf meine neun Jahre Autoerfahrung mit diversen Kleintransportern kann ich diesmal nicht zurückgreifen. Das hier ist ne andere Nummer.
In Gedanken gehe ich schon mal meine zukünftige Route durch und suche nach gefährlichen Passagen. Hügel oder so.
Sicherheit geht vor.

Mein Bekannter möchte mir auf einer Testfahrt alles genau erklären und schnallt sich an. Gute Idee übrigens.
Während ich fahre, wird mein Beifahrer im Auto hin- und hergeschwenkt, als würde ich mehrmals in die Bordsteinkante eines Trottoirs fahren.
Mit kritischem Blick und höflichem Lächeln deutet er darauf hin, dass sein Auto keine Servolenkung hat. Diese Tatsache kann ich beim Kurvenfahren bestätigen.
Ich kriege die ruckartigen Bewegungen sogar beim Geradeausfahren hin.

Ein paar Kilometer weiter sieht er wieder entspannter aus und führt mir seine Beleuchtung an den Füssen vor.
Ja, dieses Gefährt kann die Füsse in unterschiedlichem Licht beleuchten.
Gelb.
Blau.
Rot.
Je nach Stimmung.

Durchaus romantisch, das Teil, wa? Doch die Beleuchtung mag keine Romantik, sie funktioniert nicht. Der klassische Vorführeffekt.
Er lächelt mich verlegen an und drückt etwas druckvoller auf dem Apparat herum, auf dem man die Farbkombination bestimmen kann. Er tut mir schon fast Leid, doch die Situation finde ich sehr sympathisch, während ich vergnügt vor mich hin lächle.
Sein Lächeln formt sich auch zu einem «naja, was solls, morgen klappt es bestimmt wieder».

Charmant wechselt er das Thema, bis wir die Testfahrt beenden.

Dann ist es soweit! Ich hötterle alleine mit dem sympathischen Gefährt vorsichtig über die Landstrassen.
Mit Stosstange. Tape. Und Kleber auf dem Blinker.

Ich kann nicht anders, als durchgehend zu grinsen. Denn in meiner Situation hilft mir auch keine Affirmation.
Das ist ein neues Auto mit GTI-Fahrwerk.
Das ist ein neues Auto mit GTI-Fahrwerk.
Das ist ein neues Auto mit GTI-Fahrwerk.
Kann ich machen, bringt aber nix.
Habs probiert.

Anzunehmen, was ist, ist viel entspannter als nur an das zu denken, was nicht gut läuft. Wie so oft im Leben.
Nein, ich wäre nicht glücklicher, wenn ein GTI-Fahrwerk unter meinen Sitzhöckern vor sich hin brummt.

In einer fahrbaren Blechkiste bin ich gelandet und das ist richtig toll! Wirklich bemerkenswert, wie oft ich grinse, während ich fahre. In dem neusten Sportwagen zu sitzen drängt mir das Gefühl auf, glücklich sein zu müssen. Doch kann ich mich an Momente erinnern, in denen ich während der Fahrt in so einem heissen Schlitten glücklich war?

Nichts kann mich glücklich machen. Ich kann noch so viel arbeiten, im teuersten Sportwagen sitzen, mit meinem Kontostand angeben (würde ich schon gerne, aber ja, lassen wir das), doch es ist immer das Gefühl, das ich damit verbinde, welches mich innerlich glücklich und reicher macht.

Wenn ich tatsächlich im neusten Wagen sitzen würde, wäre ich jetzt damit beschäftigt, meine Playlist auf Spotify zu durchforschen, um die perfekte Musik für meine Stimmung zu finden. Um am Ende die ganze Fahrt verpasst zu haben und keinen Song gehört zu haben.

In diesem antiken Gefährt habe ich Radio. Und zwei Sender. Die absolute Reduktion auf das Wesentliche, wie in meiner Wohnung. Obendrauf gibts die Neugierde, ob mein Blinker am Zielort noch immer am Wagen klebt.
Erneut verfalle ich in einen glückseligen Zustand. Man muss ja nicht immer alles so ernst nehmen. Auch wenn mich die Leute in den überholenden Autos kritisch begutachten.

In solchen Momenten zeigt sich die Freude in meinem Leben deutlich. Das Leben ist ein Spiel. Ich bin gerade dabei, die Regeln zu formulieren. 
Dazu setze ich die Sonnenbrille auf, kurble die Scheiben runter und deponiere meinen Arm ganz lässig aus dem Fenster. Blöd, wenn gerade Helene Fischer aus dem Radio hüstelt. Aber egal, sie wird in den tollen Moment einfach integriert.
Cool oder cool?
Cool!

Keine Ahnung warum, aber in diesem Moment feiere ich mein Leben!
Einfach so.
Selbst wenn meine Füsse nicht beleuchtet sind.

Feiern wir unser Leben. In ganz kleinen Momenten.
Und wenn es vielleicht noch schwerfällt: Auch nur ein bisschen ist okay.

Ein bisschen kann manchmal richtig viel sein.

In diesem Sinne
Bleiben wir gemeinsam dran – es lohnt sich!

Noémie

PS: Die Geschichte hat ein Happy End: Blinker hält. Stossstange hält. Sogar die Fussbeleuchtung funktioniert wieder! Das Gefährt hat bei mir riesige Sympathiepunkte gesammelt. Ich freue mich auf die nächste Fahrt in die Freude! Und gehe schon mal Sekundenkleber einkaufen.
Man weiss ja nie.
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