Sport

Gesunde Selbstverletzung für das nächste Level?

Achherrje.
950 Höhenmeter auf einer Strecke von neunzehn Kilometer.
Rennend. In den Schweizer Bergen.
Das, was ich im Internet lese ist gefährlich inspirierend. Meine Augen kleben am Bildschirm meines Laptops – das Funkeln in meinen Augen ist zurück!

Schon länger liebäugle ich mit einem Berglauf. Das merke ich vor allem an meinen Stichworten bei Google.
Aktuell schwanke ich zwischen „bergwärts rennen sinnvoll“ und „geografische Kenntnisse zwingend?“. Aber auch „mobile Toilettenkabinen am Berglauf“ ist dabei, um meine nervösen Darmzotten etwas zu beruhigen.

Ich schwanke auch im Kopf.
Die eine Stimme sagt: Lass es, Noémie. Eine Nummer zu gross für dich. Du willst wieder zu viel, denk an deine Gelenke, den Stress, den ganzen Aufwand, den Tinnitus.
Eine andere sagt: Durchaus ein reizender Gedanke.
Mach es doch einfach. «Yolo» und so. Finde heraus, wie es sich anfühlt und schau, was passiert. Bewegung ist ja auch gut für die Durchblutung im Innenohr.
Denk an dein Funkeln.

Okay!
Das Argument „Funkeln“ ist ausschlaggebend.
Beim nächsten Besuch im Fitnesscenter spreche ich einen Coach an und erzähle ihm von meinem Vorhaben.

«Alles klar, ich bringe dich auf das nächste Level. Machen wir einen Termin aus», sagt er.
Wenn ein muskelbepackter Typ vom nächsten Level spricht, dann kriege ich schon etwas Muffensausen.
Wenige Tage später ist es soweit. Ich bin pünktlich da.

«Bist du bereit?», fragt er.
«Ja», sage ich.
Oh. Bin ich wirklich?
Ich grinse ziemlich zielbewusst aus der Wäsche für die Tatsache, dass das Motto «Lass das!» grenzwertig durchschimmert.
Ich schiebe die Aufforderung zur Seite. Wenn ich sage, dass ich bereit bin, dann bin ich es auch.
Punkt.

Wir legen los.
Also ich.
Mein Coach zeigt nur vor. Ziemlich deutlich spüre ich, was er mit «nächstes Level» meint. Unspektakuläre Geräte und banal klingende Ausführungen erzeugen ein mulmiges Gefühl, weil diese meistens so richtig fies reinhauen.

Während der Ausführung möchten meine Augen weinen, die Muskeln tun es bereits. Völlig übersäuert flehen mich die Fasern (und was da alles noch mit drin ist) an, vernünftig zu werden.

Ich schwitze.
Diese Sachlage alleine ist schon alarmierend genug. Von Natur aus bin ich ein Mensch, der ständig kalt hat. Schwitzen tu ich nur, wenn vierzig Grad im Schatten oder auf meinem Fieberthermometer gemessen werden. Zwischen den Übungen erwähnt er ganz nebenbei, dass ich nach dem Training kaum mehr Treppen steigen kann.

Ich ziehe meine Augenbrauen hoch. Also wie jetzt?
«Du weisst aber schon, dass ich nachher mit dem Fahrrad nach Hause fahren muss?», sage ich mutig lächelnd.
Die Wahrheit klingt wie ein Witz. Trotzdem fühle ich mich auf der sicheren Seite – bestimmt sagt er gleich, dass das absolut kein Problem ist.

Er schaut mich aber viel zu lange an, ohne ein Wort zu sagen.
Falsche Antwort.
«Oha. Hast du kein Auto?»
«Nö. Kein eigenes.»
«Na dann,… schaust einfach wie du nach Hause kommst», sagt er und beginnt laut zu lachen. Ein Hoch auf seine Komiker-Gene…
Tapfer lächle ich mit. Mit Humor wird alles erträglicher.
Wenn nicht später, dann immerhin jetzt.

Nach den Grundübungen, welche die meiste Kraft beanspruchen, redet er von isolierten Übungen.
Klingt wie Isolation.
Früher hätte ich es mit Selbst- oder Fremdgefährdung in Verbindung gebracht. Die ominöse Gummizelle, wie aus den Horror-Filmen.

Doch sobald «Gym» über dem Eingang steht, sind wir anscheinend auf der gesunden Seite. Die Leute hier sehen alle zurechnungsfähig aus.
Die meisten zumindest.

Hier ist es gesellschaftlich erlaubt, seine Muskelfasern zu gefährden. Ob sowas in die Kategorie Selbstverletzung geht?
Wenn die Muskelfasern reissen, dann ergibt das eine dicke Wölbung, nachdem man die betreffende Körperstelle angespannt hat. Diese Wölbungen oder die Gefährdung der Muskelfasern ist gesellschaftlich so dermassen anerkannt, dass die geposteten Bilder eine Menge Likes ernten.
Vorausgesetzt, die Wölbungen finden an den richtigen Stellen statt.

Zurück zum Training.
Während den Ausführungen denke ich immer wieder daran, dass ich es freiwillig mache. Theoretisch könnte ich mir auch mentale Muskeln aufbauen. Mit einem schlauen Buch bei einer Tasse Tee in meinem gemütlichen Sitzsack.

Ich bin froh, kann mein Coach noch keine Gedanken lesen. Vielleicht sollte ich trotzdem mal ein Seminar besuchen für ein optimales Mindset in der Mukkibude..
Dann fällt mir wieder ein: Der Berglauf. Und ich.
Ich will herausfinden, ob mir sowas Spass macht. Wandern ist ja schon toll. Rennend zu wandern ist sowas wie das nächste Level.

Auf der Stelle könnte ich ganze Blätter vollschreiben, weshalb der Berglauf zu gross für mich ist. Aber gleichzeitig ganze Romane, weshalb mein altes Leben keinen Platz mehr hat bei mir.

Dieses Funkeln in den Augen kommt nicht von ungefähr. Ich kenne es bereits (hier kannst du nachlesen, was ich genau damit meine, wenn du magst).
Gegen Ende des Trainings werden meine Gedanken klarer. Ich entscheide mich für den Schmerz der Disziplin und nicht für den Schmerz der Reue.

Mit dieser Entscheidung ist der Schalter in meinem Kopf definitiv umgelegt. Eine unglaubliche Motivation durchströmt mich.
Ich schnappe mir den Sandbag, fokussiere mich auf mein Ziel und beuge das Gewicht auf meinen Schultern.
Wiederholung für Wiederholung.
Satz für Satz.
Denn ich fange gerade erst an.



Mein Leben ist das Resultat meiner heutigen Entscheidungen. Ich will später sagen können: «Ich wollte nicht nur, ich hab’s gemacht!»

Naja, was heisst später.
In einem halben Jahr.

Bestenfalls befinde ich mich dann mit zusammengewachsenen Muskelfaserrissen auf dem nächsten Level.

In diesem Sinne

Dranbleiben lohnt sich jederzeit!

Noémie