Interview

„Ich wollte gesund werden, aber nicht zunehmen!“

In einem gemütlichen Café am Bodensee sitzt sie mir gegenüber.

Claudia.
Sie schraubt gerne an Autos und Motorräder herum und liebt Tiere genauso wie den Humor. Die 45-jährige Ostschweizerin besitzt ein ansteckendes Lachen, das mitten ins Herz geht.

Die Sonne strahlt, während wir beide ein wenig aufgeregt sind. Heute darf ich Claudia interviewen, denn ihren Weg im Leben beeindruckt und berührt gleichermassen.
Claudia war zwanzig Jahre lang magersüchtig, hatte unzählige Klinikaufenthalte und hungerte sich auf einen lebensbedrohlichen Zustand. Auf äusserst eindrückliche Weise erzählt sie uns in diesem Interview, wie sie den Weg aus der Krankheit gefunden hat und nun dabei ist, ihren Traum zu leben.

Weshalb mich ihre Zusage zum Interview besonders freut?

Claudias Geschichte geht unter die Haut.
Sie macht Mut.
Und sie versprüht unglaublich viel Hoffnung!

Viel Vergnügen beim Lesen!

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Wie bist du in die Magersucht gerutscht?

Angefangen hat es mit 12 Jahren, als ich mich zu dick fühlte. Vier Jahre später, mit 16 Jahren habe ich dann stark abgenommen. Neben meiner Ausbildung ging ich jeden Tag ins Training und habe Kilo um Kilo abgenommen. Es ging mir nicht darum, einem Schönheitsideal oder Erscheinungsbild zu entsprechen. Ich wollte mich «verdünnisieren», klein machen, damit ich möglichst wenig Platz brauchte. Gleichzeitig hatte ich grossen Hunger nach Liebe.

Wie ging es dann weiter?

Ich ging selbständig zum Arzt, weil ich keine Bratwurst mehr essen konnte – und ich habe Bratwürste geliebt! Zu diesem Zeitpunkt wusste ich gar nicht, dass es Magersucht gibt, ich kannte nur die Bulimie. Der Arzt sagte, ich solle zwei Wochen ins Spital und dann sei «es» wieder gut.

Leider ging es dann erst los. Das Hungern wurde zur Krankheit. Ich habe nichts mehr gegessen und wog nur noch 30 Kilo. Ich bin das erste Mal künstlich ernährt worden. In den nächsten zwanzig Jahren folgten diverse Aufenthalte in fünfzehn verschiedenen Kliniken. Ich wollte gesund werden, aber nicht zunehmen. Ein Teufelskreis.

Wann hast du die ersten Fortschritte bemerkt?

Das war im Jahr 2001, in einer spezialisierten Klinik für Essstörung. Eigentlich wollten sie mich nicht aufnehmen, da ich als nicht therapierbar galt. Ich bettelte um eine Aufnahme und konnte eintreten. Auch da gab es strenge Regeln, kein Treppensteigen, Bettruhe und vor allem Essen am Tisch, was für mich sehr schlimm war. Ich musste wieder lernen zu essen.

Da gab es ein Moment, in dem ich das erste Mal wieder Butter gegessen habe. Die Menschen um mich herum hatten solche Freude, was mich wiederum selbst sehr motivierte. Das war ein ganz emotionaler Moment für mich. Ich habe sogar meinen Vater angerufen und gesagt, dass ich Butter gegessen habe. Er ist fast ausgeflippt. Eine halbe Party sozusagen. Schrittweise konnte ich mein BMI auf 18,5 erhöhen und erreichte das Mindestgewicht. Damals war ich 27 Jahre alt.

Wie hast du den Schritt zurück ins Leben nach all den Jahren geschafft?

Ich habe ganz viel Hilfe bekommen, doch es war mir nicht möglich, sie anzunehmen. Auf dem Weg aus der Magersucht habe ich eine Suchtverlagerung zum Alkohol gemacht. Es war ein langer Prozess und Hilfe anzunehmen war erst möglich, als ich meinen jetzigen Partner kennenlernte. Es war oftmals nicht einfach, jemandem zu vertrauen, Nähe zuzulassen und daran zu glauben, dass mich jemand liebt. Die Magersucht ist eine einsame Krankheit. Alle Menschen sind gegangen, er ist geblieben.

Mein Partner hat mir das Leben gezeigt, wie es auch sein konnte. Das hat mich dazu bewegt, die Krankheit aufzugeben. Für fünf Monate habe ich eine stationäre Therapie gemacht, ab diesem Zeitpunkt habe ich nie mehr zum Alkohol gegriffen. Ich habe gelernt, mit meinem Partner über mein Befinden zu reden und zu vertrauen.

Wie gehst du heute mit dem Thema Essen um?

Bei einer Sucht mit Drogen kann man die Drogen weglassen. Aber mit Essen wirst du sicher drei Mal am Tag konfrontiert. Das ist ein unglaublicher Dauerstress, das Ausmass kann man sich nicht vorstellen. Nach 20 Jahren Magersucht habe ich einen Umgang damit gefunden. Ich denke, einen Teil der Sucht bleibt. Vom Kopf her gibt es schon noch Dinge, die immer wieder zum Vorschein kommen.
Es gibt zum Beispiel bestimmte Sachen, die ich nicht darf und die Angst, ich könnte die Kontrolle verlieren. Oder ich fühle mich dick, wenn es mir nicht gut geht. Trotzdem kann ich normal essen. Ich möchte essen zum Leben und nicht leben für das Essen. Vom Aussehen her bin ich nicht mehr magersüchtig. Ich bin 50kg, ein ganz normales Gewicht bei meiner Grösse von 160cm.

Wie ist es dir gelungen, deinen Humor trotz allem nicht zu verlieren?

Humor war für mich schon immer sehr wichtig. Ich glaube, ich bin so geboren. Das Leben ist halt einfacher, wenn man über sich selbst lachen kann. Auch in den übelsten Zeiten in der Klinik habe ich Sprüche gemacht, auch wenn sie manchmal nicht so angebracht gewesen waren. Doch es hat mir gut getan. Ausserdem hat es mich gefreut, wenn ich andere mit meinem Humor anstecken konnte und wir gemeinsam gelacht haben.

Du machst derzeit eine Weiterbildung zur Peer/Genesungsbegleiterin, um dein Erfahrungswissen anderen Betroffenen weiterzugeben. Weshalb hast du dich für diesen Weg entschieden?

Wenn man das halbe Leben in Kliniken verbringt, als hoffnungslos und nicht therapierbar abgeschrieben wird, kann diese Weiterbildung unglaublich dankbar machen. Es ist mir ein grosses Anliegen, Betroffenen zu sagen, gebt nicht auf, es gibt einen Weg! Ich bin sozusagen das lebende Beispiel, dass es einen Weg gibt. Und ich habe für jeden einzelnen Menschen Hoffnung!

Diese Weiterbildung ist ein riesiges Geschenk für mich und ich bin so glücklich, sie machen zu dürfen. Es erfüllt mich, Menschen nun mit meinem Erfahrungswissen beraten und begleiten zu können. Ich lebe durch die Peer-Arbeit meinen Traum.

Abschliessend die Frage: Was möchtest du anderen Menschen mit einer Essstörung weitergeben?

Eine Psychologin hat mir mal gesagt: Wenn Sie Ihre Magersucht aufgeben, erreichen Sie so viel im Leben. Ich habe es im ersten Moment nicht verstanden. Jetzt weiss ich, wenn ich die gewaltige Energie, die ich für die Magersucht aufbringen muss, für mich selbst nutze, dann kann ich am Leben wieder teilnehmen. Mit einer Magersucht nimmt man nicht am Leben teil. Ich möchte weitergeben, sich zu trauen, die Magersucht loszulassen.

Es ist möglich, nach jahrelangem Kampf mit sich selbst einen Weg zu finden, mit der Essstörung umzugehen. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, alles ist tip top. Es wird immer Thema bleiben, aber es schränkt mich nicht mehr ein. Ich lebe heute sogar meinen Traum!



Herzlichen Dank liebe Claudia für deine Offenheit und den Einblick in deinen eindrücklichen Lebensweg!

Wenn du Claudia persönliche Worte schreiben magst oder Fragen an sie hast, sende gerne eine Mail an kontakt@noemie-erzaehlt.ch, ich leite deine Nachricht gerne weiter.

Mehr Infos über die wertvolle Peer-Arbeit findest du hier: Was ist Peer-Arbeit? 
Du wünscht dir eine Begleitung eines Peer’s? Hier geht’s zum Peer-Pool in der Schweiz .

In diesem Sinne
Bleiben wir gemeinsam dran – und nutzen die Energie für unsere Träume!

Noémie