Allgemein

Meine Probleme sind gesundgeschrumpft

Es gibt Dinge, die erobern mich im Sturm.

Auf einer Besichtigungstour durch Luzern passiert mir so ein «Ding». Nichtsahnend schlendere ich durch die Einkaufsläden. Da stehe ich plötzlich vor diesem Regal. Die Verpackungen der ausgestellten Produkte sehen aus, als wären sie nicht gut für meine Verdauung – eine warnende Stimme in mir will meine volle Aufmerksamkeit. Ich habe kein Gehör, dafür gute Gegenargumente.

Ich meine, ich befinde mich in einem Lebensmittel-Laden. Der muss ja wohl Mittel zum Leben anbieten?

Na also, alles wunderbar!

Der Gedanke gefällt mir sogar.

Ich fühle mich auf der sicheren Seite und greife zielbewusst zum «Ding». Dann ist es soweit – ich halte es das erste Mal in meinen Händen: Eine Getränkedose mit der Aufschrift Vanilla Cola Zero. Mein Lieblingsgetränk in der Variante ohne Zuckerzusatz! Wie konnte ich nur all die Jahre an diesem Produkt vorbei leben?

 

Die Welt kann von mir aus untergehen, es stört mich nicht.

Ich habe keine Kontrolle über das Funkeln in meinen Augen. Ich strahle, freue mich und feiere den Moment!

Siegessicher kaufe ich gleich zwei Dosen ein.




Voller Vorfreude stelle ich es Zuhause in den Kühlschrank.

Warte ungeduldig und rede mir ein, dass Vorfreude die schönste Freude ist.

Ich fühle mich prächtig.

Bezaubernd – wie es im Licht des Kühlschrankes vor sich hin performt! Der Tag geht in die Noémie-Geschichte ein und ich halte ihn mit einem Handyfoto fest.

Meine Welt ist vanillig und kalorienfrei gefärbt.

 

Dann ist es endlich soweit.

Ich nehme es aus dem Kühlschrank.

Wir sind vereint.

Die ersten Schweissperlen gleiten über seine aluminiumbeschichtete Oberfläche. Bevor die Romantik ein kitschiges Level erreicht, öffne ich meine Dose.

 

Ich schnuppere daran und es riecht irgendwie… seltsam.

Naja, mein Riechapparat ist manchmal nicht sonderlich motiviert, heute wird das wohl auch so sein.

Ein Hoch auf Optimismus!

 

Ich trinke den ersten Schluck.

Meine Gesichtsmuskeln ziehen sich schlagartig zusammen.

 

Das Getränk schmeckt nicht.

Also überhaupt nicht.

Ich muss den Inhalt meines Mundes wieder ausspucken. Und mir eingestehen, dass mein Riechapparat doch noch einwandfrei funktioniert. Die Geschmacksnerven lachen sich in dieser Zeit schlapp. Sie vermuten einen Unfall im Chemielabor. Oder tippen auf den Urin eines Kugelfisches.

Einer, der älteren Generation.

Jetzt fehlen mir eindeutig die Argumente, weshalb sowas in die Schublade «Lebensmittel» geht.

Der Kauf war ein Fehlkauf.

Das muss ich mir ganz klar eingestehen.

 

Einen Augenblick lang gebe ich mich ganz dem Gefühl der Enttäuschung hin. Anschliessend reflektiere ich meine Situation (einer meiner Hobbys, man könnte mich beinahe im Dunkeln sehen) und beginne, über mich selbst zu lachen.

 

Was will mir der Fehlkauf sagen? Er sagt zwar nicht sonderlich viel, doch das Gefühl von Dankbarkeit stellt sich ein.

 

Wie schön, wenn eine Getränkedose gerade mein einziges Problem darstellt. Wie schön, wenn ich mich in ein so oberflächliches Thema vertiefen kann, dass es meine ganze Wahrnehmung beansprucht.

Nichts, das tiefer geht.

Keine Grundsatzentscheidung, kein gedrängter Neuanfang, keine Sinnfrage, keine anbahnende Krise, keine Auseinandersetzung mit anspruchsvollen Themen.

Einfach nur ein Produkt, das mir nicht schmeckt. So einfach kann das Leben manchmal sein! Aus diesem Blickwinkel betrachtet sind meine Probleme gesundgeschrumpft!

 

Ich liebe anspruchslose Dinge und Fragen, in denen ich ausgiebig baden kann.

Soll ich mich für ein Dörrbirnen-Brot mit Dinkelmehl entscheiden oder eher für einen selbstgemachten Himeershake mit Sojamilch? Soll ich aus diesem Erlebnis ein Blogartikel formen oder ist das vielleicht doch eine Spur zu albern? Wann gehe ich wieder nach Luzern und was zum Himmel mache ich mit der zweiten Dose?

 

Fazit des Tages: Das Vanilla Cola geniesse ich lieber mit Zucker und Verstand.

Und bleibe beim Original.

 

Was für eine schöne Metapher.

 

In diesem Sinne

Viel Spass beim Dankbarsein!

 

Noémie