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Muss ich stehenbleiben, um anzukommen?

«Ach Noémie, mach mal halblang», ermahne ich mich in Gedanken.
Ich bin mir eine Spur zu sentimental. Und nehme den äusseren Anlass zum Vorwand, mich in die Melancholie fallen zu lassen. Daneben stehe ich, irgendwo zwischen meinem alten Ich und der Magie des Neuanfangs.
Erschöpft und zum Umfallen müde.

Sind meine Akku einfach viel schneller leer als «normal»?
Vielleicht finde ich es auch einfach nur ein bisschen schwierig mit mir.

In diesem Zustand stehe ich in meiner leeren Wohnung. In mir keimt die Frage auf, wo ich denn Zuhause bin.

Ich denke zurück.

Ich war die, die einmal in der Woche den Briefkasten geleert hat und dieselbe mit der Hantelbank im Wohnzimmer. Mein Interesse war gering, einen Kurs darin zu belegen, wie ich meine Wohnung ordnungsgemäss einrichte. Oder nach Feng Shui Möbel zu verschieben für mehr Harmonie zwischen Drachenbäumchen und Steamer.

Und jetzt?

Die Lebensumstände ändern sich eben.

Ich werfe meine Kleider in die Altkleidersammlung.
Verschenke Küchenutensilien und Bücher.
Verkaufe Fernseher und Möbel.
Und kündige… meine Wohnung.

Sowas wie Feng Shui für Fortgeschrittene. Oder doch schon ein kleines Neuanfängchen?

Zumindest stehe ich hier. Das letzte Mal in meiner geräumten Wohnung, bevor ich die Schlüssel abgebe (immerhin besser als der Löffel). Die Stille ist erdrückend und erleichternd zugleich.

Ich glaube mittlerweile, die Wohnung kündigen zu müssen, um in mir ein Zuhause zu finden. Selbst die modernste Traumwohnung gibt mir nicht die Sicherheit, nach der ich mich sehne. Die Sicherheit, von lieben Menschen akzeptiert und gemocht zu werden.

Deswegen war mir mein Aussenauftritt sehr wichtig. Es ging bloss darum, mein Ego mit fett beschmierten Butterbroten zu ködern.
Sinnbildlich.

Denn ehrlich gesagt habe ich Freundinnen lieber besucht, statt sie zu mir nach Hause einzuladen. Vermutlich war ich so verletzlich, anhand meiner Wohnung bewertet zu werden, da ich weder gepolsterten Klobrillen, noch Dekofiguren mit Leuchteffekt hatte.
Mehr noch: Ich habe den Leuten erlaubt, mich zu bewerten. Das Gefühl der Angst nagte an mir, abgelehnt zu werden.

Sehr wahrscheinlich macht sich noch immer so ein Gefühl in mir bemerkbar. Als kratzender Wollknäuel in der Magengegend.

Jedes Gefühl hat das Potenzial, meine Realität zu werden.

Geborgenheit und Sicherheit kann ich nur mir selbst geben. Das finde ich in keinem Solarium, Yogastunde oder auf exklusiv gestapelten Ziegelsteinen am Bonzenhügel.

Und jetzt philosophiere ich darüber, wo mein Zuhause ist. Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich eine Wohnung automatisch als mein «Zuhause» betitelt.
Als wäre es selbstverständlich.

Vielleicht beinhaltet ein Zuhause kein fester Ort, sondern Rituale. Also Dinge, die ich regelmässig tue, die mir das Gefühl von einem Zuhause geben. Vielleicht sind es die wiederkehrenden Verrichtungen im Alltag, die mir ein Gefühl von Gewohnheit geben. Arbeiten. Freunde treffen. Blogartikel schreiben. Bäume besuchen. Zahnseide benutzen.

Ankommen mit mir und bei mir selbst.

Ich gehe in mich. Wortwörtlich.

Zuhause ist dort, wo mein Herz ist.
Konkret heisst das also in der Mitte des Brustkorbes, zwischen Brustbein und Speiseröhre. Falls ich unterwegs dem kratzenden Wollknäuel begegne, würde ich ihn herzlichst grüssen.

Spass.
Ich würde ihn natürlich aus seinem Komplex herauslösen, um ihn gesondert zu behandeln.

Aber mal ehrlich.. Als menschliches Lebewesen ist mein Zuhause auch da, wo mein Körper ist. Klingt sogar für mich logisch. Trotzdem ist es nicht immer einfach, ausdauernde Phasen in Schmerzen zu verbringen und leise Hoffnungen in das neue Jahr zu setzen, ohne den Neujahrs-Vorsatz offiziell zu unterschreiben.

Mein Körper ist ein Gebäude. Mit den richtigen Therapien für Körper und Seele fühlt es sich an wie eine frisch renovierte, lichtdurchflutete Dachwohnung mitten im Alpstein-Paradies.

Und manchmal gleicht es einer psychosomatischen Bruchbude, in der ich mich vehement weigere, Miete zu zahlen. In denen surreale Bilder hängen, die meine Ängste und Depressionen zeigen. Hingucken geht nicht, wegschauen aber auch nicht. In diesem Zustand weicht das zarte Gefühl von Mut der Resignation, jemals den Sprung in ein gesundes Leben zu schaffen.

Ich brauche keine sinnbildliche Luxuswohnung mit Blick auf den Alpstein. Keine krassen Filter, um meinen Alltag mit rosa Glitzer zu bestreuen oder eine Eintrittskarte für ein Dauergrinsen. Das eigene Leben soll sich nur wieder wie das eigene Leben anfühlen.

Ich kann meine Gesundheit nicht schneller heilen, als ich es tue.

Und ich muss es auch nicht.
Sehr gut möglich, gerade zu lernen, bei mir selbst Zuhause zu sein. Das ist praktisch, weil ich dann nicht durch meine Welt hetzen muss.

Zuhause ist also auch da, wo ich den Bauch nicht einziehen muss oder wenn ich meine Lieblingsmenschen in den Arm nehme. Aber auch schreibend in meinem Lieblingscafé, über einem Topf frischem Broccoli oder unter Bäumen.

Vom Broccoli zurück zur leeren Wohnung.

«Mach mal halblang, Noémie», sage ich mir erneut und schliesse die Wohnungstür.
Fakt ist: Wenn ich eine Türe hinter mir schliesse, stehe ich ja schon in einem neuen Raum. Ob ich stehenbleibe oder weitergehe, um anzukommen, liegt ganz bei mir.
Und ein bisschen auch am Entfernen meiner störenden Wollknäuel.

In diesem Sinne
Bleiben wir gemeinsam dran – es lohnt sich!

Noémie