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Souveränität vs. Verletzlichkeit!

Ich weiss noch, als wäre es gestern gewesen. Es ist eine dieser Therapiestunden, die mein scheinbar robustes Grundgerüst grosszügig durchschüttelt. Mit einem einzigen Satz.
«Vielleicht gehen Sie zu souverän über das Gefühl hinweg, dass es eben auch eine Enttäuschung sein kann», sagt meine Therapeutin.

Whoom.

Ich fühle mich ertappt. Erleichtert. Emotional nackig. Und versuche mein Befinden wortlos in eine Schublade zu stecken.
Verstaubte Gedankenmuster prallen auf mich ein, während ich mich dem Zauber des Augenblicks hingebe. Ich fürchte, der Moment neigt sich dem Ende zu und bin froh, als er doch vorbei geht. Ich schrumpfe und blühe innerlich im Eiltempo.

Seltsame Kombi.

Das Gespräch darüber, weshalb ich Plänen nachrenne und beinahe meine Emotionen strukturieren will, geht weiter. Gedanklich hänge ich trotzdem an diesem, einen Satz.

Ich verhandle mit mir, im Nachgang alles von der Seele zu schreiben. Die Gedankenfetzen zu strukturieren, überflüssige Worte auszusortieren und mit Neuen zu ergänzen. Am Ende dieses Kochvorgangs sollte dann ein reflektiertes Gedankengebräu in meinem Notizbuch stehen.

Vermutlich ist diese Vorgehensweise genau dieses «souverän», welches meine Therapeutin meint.

Ja, vielleicht gehe ich in meinem Alltag zu souverän über das Gefühl hinweg, dass gewisse Situationen eine Enttäuschung sind. Geplatzte Träume. Die Selbstliebe, die ich noch immer nicht so hinkriege, wie ich das gerne hätte. Anzuerkennen, mich überfordert zu fühlen. Oder unausgesprochene Dinge in zwischenmenschlichen Beziehungen, die ich mit einem «alles cool» routiniert unter den Teppich wische, obwohl ich im Stillen daran zu nagen habe und es mir den Schlaf raubt.

In der psychologischen Praxis gelingt es mir, meine Gefühle nicht zu bagatellisieren und auszusprechen, wie sehr mich diese Worte umhauen.
Also gut umhauen.
Irgendwie.

Wir geben den Worten und den dazugehörigen Gefühlen Raum, sich entfalten zu können. Als die Stunde vorbei ist, nehme ich das Gespräch mit in mein Leben ausserhalb des Gesprächszimmers.

Weniger Coolness, mehr Verletzlichkeit!

Souverän klingt so nach… naja, souverän eben. Nach Rasenmähen mit Nagelschere, polierten Dekofiguren aus Glas-Kristall und danach, für Leistung geliebt zu werden. Souveränität ist mit sehr viel Energieaufwand verbunden, um die unangenehmen Gefühle unter Kontrolle zu haben. Verständlich, haben säuberlich geplante Strukturen eine derart hohe Priorität.

Die Verletzlichkeit ermöglicht mir stattdessen, in die schattigen Ecken meiner Seele zu blicken, die schon länger vor sich hin schimmeln.
Schimmel ist nicht cool – das ist gesundheitsgefährdend!
Ausser bei Pferden.

Mit diesem Gedankenflutsch manövriere ich mich womöglich auf heikles Terrain, da diese Thematik viel Fingerspitzengefühl erfordert. Ausserdem möchte ich der Souveränität keinesfalls in den Rücken fallen! Souveränität ist schon toll – in der Buchhaltung, bei der Wohnungsübergabe oder beim Besuch der Schwiegereltern. Aber nicht, wenn ich aktive Enttäuschungs-Prophylaxe betreibe, gleichzeitig unrealistische Erwartungen an mich selbst habe und vorgebe, damit für Ausgleich zu sorgen.

Wo immer die Souveränität zum Vorschein kommt, ist sie sinngeleitet, wie so vieles im Leben. Ich möchte dir (und mir) den Impuls mit auf den Weg geben, hinter die eigene Souveränität zu blicken und seine Lebenskonstrukte immer besser zu verstehen.

Verletzlichkeit kann Nähe schaffen, tiefe Verbindungen aufbauen und massgeblich zu einem erfüllten Leben beitragen. Brené Brown hat es so formuliert: «Verletzlichkeit ist zwar die Ursache von vielen Ängsten und Unsicherheiten. Doch scheinbar ist sie gleichzeitig auch der Geburtsort der Liebe, der Verbundenheit, der Freude, der Kreativität und des Glücks.»

Den Mut haben, zu sich selbst zu stehen.

Mut bedeutet nicht, bei Durchfall noch zu pupsen.
Zumindest nicht nur.

Mut ist, zu sich und seinen Gefühlen zu stehen. Sich nicht ständig hinter einem Flachwitz zu verstecken, selbst wenn er erstklassig sein sollte. Sondern sich vielmehr so zu zeigen, wie man ist – mit erwünschten und unangenehmen Gefühlen. Durch die Verletzlichkeit werden wir lebendig, sensibel, empathisch und spürbar.

Unter meinem Gedankengebräu im Notizbuch stehen noch weitere Dinge.
Auserwählte Worte, die ich bewusst in meinem Alltag einsetzen möchte.

Ich mag dich.
Danke.
Nein.
Ich hab Mist gebaut.
Darf ich dich in die Arme nehmen?
Kannst du mir helfen?

Vorausgesetzt, ich meine sie auch so. 
Sie ermöglichen mir, meine Persönlichkeit offen zu zeigen und meine Bedürfnisse zu äussern.

Dieser Blog ist ja auch sowas in der Art: Ich schreibe über Dinge, die in der Gesellschaft oftmals unangenehm, schambehaftet oder tabuisierend sind. Ich zeige mich verletzlich, indem ich Artikel veröffentliche, ohne zu wissen, wer ihn liest, was er bei dir auslöst und wie er bei dir ankommt.
Ich behaupte einfach mal, dass «intime» Artikel das Gefühl von Verbundenheit fördern, wie es Frau Brown formuliert hat. Die psychische Gesundheit geht uns schlussendlich alle an!

Was ist mit dir?

Wie zeigt sich die Verletzlichkeit in deinem Alltag? Und wo zauberst du womöglich noch ein souveräner Auftritt hin, wo du eigentlich emotionale Nähe bräuchtest?

Das Leben ist eine merkwürdige Aneinanderreihung von Momenten. Manchmal gibt es die Exemplare, für die uns nicht mal unser Kopf gratuliert und dann gibt es eben die anderen: Die Momente, die uns tiefe Einsichten schenken.

Momente, in denen wir das Gehörte und Erlebte endlich verstehen.

In diesem Sinne
Bleiben wir gemeinsam dran – es lohnt sich!

Noémie

PS: Mehr über die Verletzlichkeit erfährst du im wundervollen Video von Brené Brown: Die Macht der Verletzlichkeit!
…zwanzig Minuten deines Lebens, die meiner Meinung nach bestens investiert sind!