Ernährung

Vegane Ernährung für mehr Gesundheit? Das Selbstexperiment!

Farblich abgestimmte Lachsröllchen, attraktiv frisierte Thunfisch-Bällchen, rosagebratenes Roastbeef, hauchdünn geschnittene Mostbröckli-Scheiben und geräucherte Pouletbruststreifen an Petersilienmarinade.

Krass.
Echt krass.
Wie ich so unbeeindruckt durch die Theken des Abendbuffets schlendere.
Ich kanns einfach nicht glauben.
Die liebevoll angerichteten Nahrungsmittel des Wellnesshotels tangieren mich nicht.
Überhaupt nicht.

Ich ohne Fleisch?
Vor ein paar Jahren wäre ich vor Lachen vermutlich nicht in den Schlaf gekommen. Damals produzierte ich Glücksgefühle, sobald ich tierische Nahrungsmittel irgendwo entdeckte. Ein halbes Kilo und mehr bei einer einzigen Mahlzeit war keine Seltenheit.

Selbstverständlich absolvierte ich passend dazu einen Kochkurs, weil mich dessen Überschrift in seinen Bann zog: «Macht es Sie auch glücklich, wenn sie ein grosses Stück Fleisch auf dem Teller entdecken?»
Stand wirklich so da.
Und naja, was soll ich sagen. Nur gross gewachsene und breit gebaute Männer waren dabei.
Und ich.
Das Küken sozusagen.
Poulet-Minifilet oder so.

Zurück zum Thema. Wo waren wir?

Ah ja, beim «krass».
Wie ich plötzlich so unbeeindruckt am Buffet vorbeischlendere und mich auf den Rettichsalat freue.
Ich freue mich wirklich.
Aber alles schön der Reihe nach.

Die Geschichte beginnt im März 2017 mit dem Buch «Grundlos erschöpft». Nebennierenoptimale Ernährung.
Aus drei Wochen Experiment wird ein halbes Jahr. Weil: funktioniert.

Das Nebennieren-Zeug ähnelt zum Teil der veganen Ernährungsform. Deshalb frage ich mich: Kann eine vegane Ernährung zu meiner Gesundheit beitragen? Werde ich eher gesund oder eher krank, wenn ich die sonnengebräunten Gänseblümchen auf der Wiese abknabbere? Zumindest assoziiere ich dieses nette Bild mit dem Wort «vegan».

Höchste Zeit also für grundlegende Recherchen und aufklärende Informationen – die ich langsam und vorsichtig bekomme.

Die zwei guten Nachrichten?
Gemüse liebe ich über alles. Und: Vanilla Cola ist vegan!

Die schlechten Nachrichten?
Thunfisch und Mayo mit Senf stehen derzeit auf meinem täglichen Speiseplan. Leider nicht ganz so vegan. Aber vor allem habe ich Angst, zu wenig Eiweiss zu mir zu nehmen. Schliesslich möchte ich die zurückhaltende Muskelmasse, die sich in mir noch auffinden lässt, behalten. Ebenfalls kritisch denke ich an die Laufeinheiten. Kann ich Laufen ohne eine «richtige» Nahrung zu mir zu nehmen? …betitle ich die vegane Ernährung gerade als nicht richtig?

Ich darf noch ganz viel lernen.
An meinem Laptop recherchiere ich weiter.

Huch.

Es gibt sogar Spitzensportler im Ausdauerbereich und erfolgreiche Bodybuilder, die ihren Körper mit rein pflanzlichen Lebensmitteln beschenken.
Aber nicht nur die «guten» Seiten picke ich mir raus. Auch die Dokumentationen zum Thema «Gesundheitsrisiken von Soja» und «Mangelerscheinungen» klammere ich nicht aus.

Dann steht mein Entschluss fest: Sobald das bestellte, vegane Proteinpulver bei mir eintrifft, starte ich das Experiment.

Mitte Dezember 2017 ist es soweit. Es geht los. Ich tauche ein, in die neue, vegane Ernährungswelt.

Erstmal nur drei Tage in der Woche, damit mein Körper keinen mentalen Herzfinfarkt bekommt, wenn er plötzlich ohne Thunfisch und Mayo auskommen muss. Schliesslich soll die Gesundheit in mir wachsen, und nicht der Stress. Zusätzlich supplementiere ich mit B12, weil dieses Vitamin anscheinend nur in Fleisch vorkommt. 

Erstaunlich schnell gewöhnt sich mein Körper und vor allem mein Kopf an die Veränderung. Aus drei Tagen «vegan» werden schnell fünf und schliesslich sieben. Nur ab und zu, wenn mich mein Körper anfleht, den Magen ausnahmsweise mit einem Butterbretzel zu füllen, dann mache ich das.

Du kannst dir nicht vorstellen, welche Geschmacksexplosion der Moment war, als ich nach Wochen wieder einmal in ein solches Lebensmittel biss.
Buah.
Ich konnte Tränchen in den Augen entdecken. Nicht, weil mir Butter mit Bretzel fehlten, sondern weil sich Glück für mich genau so anfühlte.

Nun mache ich einen schwupps nach vorne.

Ende März 2018.
Das Experiment geht erfolgreich zu Ende.



Meine Erfahrungen nach drei Monaten vegane Ernährung:

1. Mein Körper jubelt über Linsen und Kichererbsen
2. Die Liebe zu grünen Bohnen ist weiter gestiegen (okay, für Aussenstehende ist es vermutlich ausgeartet)
3. Fühle mich um einiges vitaler (vor allem habe ich keine «Verdauungskrise» nach dem Essen und fühle eine direkt einsetzbare Power für die anstehende Arbeit)
4. Bio-Eisbergsalat ist nicht vegan (durchschnittlich verstecken sich da fünf Insekten in einem einzigen Salat – ich bleibe deshalb lieber bei der Nicht-Bio-Variante)
5. Meine Ernährung ist um einiges vielseitiger geworden (die unschuldigen Gänseblümchen sind noch immer auf der Wiese anzutreffen)
6. Die Oberfläche der Haut ist weicher und zarter geworden
7. Es gibt plötzlich viele vegane Restaurants in meiner näheren Umgebung! 

Wie helfen mir diese Erfahrungen konkret in meinem Alltag?

Das Experiment ist vor allem für meinen Kopf sehr wertvoll. Ich weiss nun, wie sich mein Körper auf eine Veränderung einstellen kann. Noch vor kurzem war ich überzeugt, nicht ohne das Eiweiss im Thunfisch überleben zu können.
Mein bisheriger Glaubenssatz, Fisch, Fleisch und Eier zu brauchen für den Muskelaufbau, hat sich definitiv relativiert. Das schenkt mir das Gefühl, über die Ernährung hinaus «grosse» Themen in meinem Leben bearbeiten und verändern zu können.

Das vegane Eiweisspulver schmeckt absolut fantastisch – zugleich ist es das erste, welches mich weder aufbläht, noch durch eine angeregte Darmtätigkeit aufs Klo treibt. Das werde ich auf jeden Fall so beibehalten. 

Beim Einkaufen spare ich enorm viel Zeit.
Inzwischen weiss ich genau, wo sich meine Lebensmittel verstecken und brauche kaum mehr wie fünf Minuten Zeit im Lebensmittelladen.
Also kommt auf die Warteschlange drauf an. Und ob der Kunde vor mir die Mini-Bananen aus Equador tatsächlich abgewogen hat oder sich die Entstehungsgeschichte der neuen Supermarkt-Treuepunkte von der Kassiererin nochmals genau erklären lassen möchte.
Alles schon erlebt.

Das klingt ja beinahe romantisch. Aber wie mache ich jetzt weiter? 

Wie weiter – ich denke, das habe ich mir am Abendbuffet beim Wellnessen vor ein paar Wochen beantwortet. Mein Körper verlangt weder nach Fisch, noch nach Fleisch. Die ganzen Milchprodukte finden ebenfalls herzlich wenig Anklang bei mir.

Doch ganz darauf verzichten mag ich nicht.

Konkret denke ich da an den Sommer 2018. Mit lieben Menschen am See sitzen, den warmen Abend geniessen und dabei eine Pizza essen.. oder hausgemachter Schlorzifladen nach einer Wanderung an der wärmenden Sonne. Damit verbinde ich Genuss und Lebensqualität! 

Nahrung nicht nur für den Körper, sondern vor allem für die Seele.
Das mit der Dosis und dem Gift, hat ja Paracelsus schon gesagt.

Bei den Laufeinheiten werde ich meine Nahrung mit Appenzeller Biberli wieder ergänzen, auch wenn da Honig mit drin ist. Die Power aus den Kidney-Bohnen und gedämpften Zucchetti-Röllchen entfaltet sich komischerweise erst nach einer Stunde. Davor ist es eher ein durchwursteln. 
Veganes wurst-eln natürlich.

Mein Fazit: Mein Körper fühlt sich enorm wohl mit den pflanzlichen Lebensmitteln. Die Bewusstheit für die Mittel zum Leben ist enorm gestiegen (obwohl ich vorher bereits dachte, ich hätte sowas wie einen Plan).
Spannenderweise habe ich in der Zeit des Experimentes nie mehr homöopathische Mittel gegen Sodbrennen genommen.

Dankeschön für’s direkte Feedback, lieber Körper!

Er wird seine Gründe haben, weshalb er Rettichsalat einem saftigen Steak vorzieht. Ich lass ihm seine Gründe.
Wann er sich wohl wieder umpolt?
Und wann die bereits lang anhaltende grüne-Bohnen-Phase wieder endet?

Wer weiss das schon genau. 
Ich bleibe gespannt. 

In diesem Sinne
guten Hunger & lass es dir gut gehen!

Noémie